Projektförderung | Design Thinking & Human Values in Barcelona (2)

Der Eingang zum betahaus Barcelona und wir.
Der Eingang zum betahaus Barcelona und wir.

Teil 1 dieses Posts befasste sich damit, wie wir im Design Thinking Prozess bis zur Reise nach Barcelona gearbeitet haben. Hier lest ihr gerade ein Recap der Exkursion und der Tage in Barcelona. Viel Spaß!

6. Test and reflect upon weaknesses and strengths of the design: HTW Berlin goes ELISAVA Barcelona

Im Transformation Design ist es nicht so einfach, den einen User zu finden und den Prototypen zu testen. Wir fuhren dafür nach Barcelona. Davor hatten wir noch Zeit, unsere Prototypen etwas zu verfeinern.

In Barcelona angekommen gab es gleich das volle Programm: Am ersten Tag konnten wir das zukünftige betahaus Barcelona besichtigen. Sobald es fertig ist gibt es hier, glaube ich 7 Stockwerke, 4 Terrassen und einen top Ausblick über die Dächer Barcelonas zum Meer und Parc Güell.

Inside betahaus BCN.
Inside betahaus BCN.

Am Nachmittag ging’s weiter zu We question our project, die dann erst mal unsere Projekte hinterfragten.
Wir stellten unsere Prototypen vor und nutzten die uns bereits vertrauten Szenariotechniken. Aus Zeitgründen arbeiteten wir vorerst an zwei Projekten weiter: dem Arabischen Frühling und der Indignados-Bewegung.

WQOP - We question our project - Barcelona 2013.
WQOP – We question our project – Barcelona 2013.

Test & Refine your Protoype

Im ersten Durchlauf sollten sich jeder für ein ausgeschnittenes Bild entscheiden, dass das Projekt für uns in fünf Jahren darstellte.

Uns schwebte vor, dass die Mädels in Ägypten sich zusammenschließen, sich die Straßen und Plätze zurückerobern und Grassroots-Bewegungen bilden. Das kann alles sein von Gemeinschaftskitas über Tech-Start-Ups hin zu Sportclubs. Damit sind sie Vorbild für weitere Aktionen entlang des Nils und in Afrika. Sie passen aufeinander auf und setzen sich gemeinsam durch.

Die Indignados-Gruppe fokussierte sich auf das Eingestehen von Korruption – im persönlichen Leben. Verantwortung zu übernehmen und seine Fehler zu korrigieren gehören dazu. Das ist ein Weg, verlorenes Vertrauen wieder aufzubauen und eine Gemeinschaft zusammenzubringen, in der jeder Verantwortung für sich hat – und nicht von einer Krise zum lebenslangen Opfer gemacht wird.

 

Der zweite Durchgang zielte darauf ab, was wir schon heute tun müssen, damit sich diese Vorstellung in fünf Jahren realisiert hat.

Damit Frauen und Kinder in Ägypten ohne Angst vor Belästigungen leben und frei durch die Straßen gehen können, müssen sich diese in sichere Umgebungen verwandeln. An drei Punkten lässt sich ansetzen: in der Familie, in den Medien und bei den Ehemännern, Vätern und Brüdern als Multiplikatoren dieser Idee. Frauen und Männer können Stellen im Koran identifizieren, die eine Gleichberechtigung der Ehepartner beschreiben und so von der Familie aus Freunde und Bekannte z.B. im Hamam davon zu überzeugen. Wenn Salma als Vorreiterin im Fernsehen von ihrer Tätigkeit und Erfahrung berichtet, wird sie zum Vorbild für eine ganze Generation von jungen Frauen. Das erzeugt Druck für mehr Freiheiten von Frauen, was sicher nicht reibungslos funktioniert. Aber es kann funktionieren.

Die Indignados-Gruppe erstellte einen Entwurf für einen Blog, der unser aller Korruption sichtbarer und akzeptierter machen soll. Keiner gibt gerne zu, dass sie oder er sich schon mal korrupt verhalten hat – geschummelt beim Test, Steuern “gespart” oder sich vielleicht sogar einen Ghostwriter für seine Abschlussarbeit gekauft hat. Der Blog sammelt also anonyme Geschichten und Geständnisse, die kommentiert und so kollektiv aufgearbeitet werden. Die Testimonials sind Politiker, Sportler, Wissenschaftler und dein Nachbar.

Tipp von Daniela:

  • Go home, improve tour Model, innovate society, talk about it, spread the word and “change by Design”: Die fertigen Prototypen können als Entwürfe für eine Verbesserung der Gesellschaft durch Grassroots-Bewegungen gelten. Die Grundlage für Engagement ist gelegt und wer die Idee umsetzen möchte, kann das tun. So sind aus anderen Design Thinking Semestern Projekte an der HTW Berlin entstanden, wie das Berliner Ideenlabor und der Verein einleuchtend e.V.
Konzentriertes Zuhören beim Recap des Workshops bei We Question Our Project.
Konzentriertes Zuhören beim Recap des Workshops bei We Question Our Project.


ELISAVA_Ongoing Myanmar_HTW Berlin

Am zweiten Tag wandten wir unser gesammeltes Wissen im außer-universitären Kontext an. Wir halfen dem community-building Projekt “Ongoing Myanmar”, kreative Lösungen für ihre drei mitgebrachten Challenges zu erarbeiten: Strategien und Finanzierungsalternativen für das Projekt, die Entwicklung einer Social Media Strategie und einen Prototyp für das Restaurant / Community Center für Kleinunternehmer in Yangon. Um die Ergebnisse kurz und knapp zu nennen: Eine Finanzierungsstrategie für das Projekt durch nachhaltigen Tourismus, die Aktivierung der Menschen in sozialen Netzwerken in Myanmar und weltweit durch das Symbol “Chinlone” (einheimischer Ballsport) und ein Prototyp für Co-Designing des Communitiy-Centers mit den Menschen vor Ort: Co-Cooking Myanmar – Germese Kitchen.


Das Projekt sucht noch Spender: Helft Kay und Klaus auf betterplace.org.


Coolhunting Plaça de Sants – Traces of a Revolution_algobueno studio_HTW Berlin

Der dritte Tag brachte noch eine weitere Abwechslung mit sich: Trendspotting und Coolhunting in Barcelona. Klingt nach den 1990ern? Ja. Funktioniert aber nach wie vor ;) Es geht im Prinzip darum, aktuelle Trends aufzuspüren, die im sozialen, kulturellen und ideologischen Bereich einer Kultur angesiedelt sind. Wir sollten kleine und große Hinweise, Umgebungen, Artefakte, … mit Fotos und Videos dokumentieren, die Rückschlüsse auf Menschen, ihr Denken und Leben zulassen. Wieso waren Spanier bereit gewesen, so lange zu demonstrieren? Woran wird das in der Umgebung des Plaça de Sants erkennbar? Also sind wir los und haben bedeutsame Objekte, geschriebene Nachrichten, starke BilderPlätzePersönlichkeiten und Charaktere gesammelt – auch urbane Interventionen und die Einstellungen der Menschen im Barrio konnten wir dokumentieren.

Zusammengefasst haben wir festgestellt, dass die Krise eine große Auswirkung auf die Menschen in diesem Arbeiterkiez hatte und immer noch hat. Viele Geschäfte mussten schließen, Menschen konnten ihre Schulden nicht mehr bezahlen und hatten schließlich Zeit, sich zu empören. Wir konnten die separatistische Flagge in ganz Barcelona sehen, aber hier besonders oft (Katalanien möchte unabhängig von Spanien sein – die Flagge ist eine Kreuzung zwischen Cuba und Spanien). Außerdem sind immer wieder Graffitis und Tags der Verfechter eines Unabhängigen katalanischen Staates zu sehen wie “La repressió ens donna força” und “Libertad vaquistes!”. Die Menschen sind hier nach wie vor verunsichert und wissen nicht, wie es mit Spanien weiter geht. Viele Läden stehen leer oder es wird versucht, sie neuen Eigentümern zu übergeben. Deshalb suchen die Menschen Alternativen und fangen an, Dinge selbst in die Hand zu nehmen.

Nach einer kurzen Pause ließen wir den vergangenen Tag Revue passieren. Unser Mindmap zeichnet die unsere Schritte nach und beinhaltet gleichzeitig unser Fazit. “Social Trends that make history” brauchen Platz und Plätze für Interventionen, eine gemeinsame Message und viel Durchhaltevermögen. Die Menschen brauchen Mut, um ihre Meinung zu vertreten und müssen auch mit Polizeigewalt rechnen. Faktoren, die einer positiven Veränderung helfen können: act & think glocally, DIY, community action on the spot, ask and learn from old pople, don’t stay in the Underground – go outwards. Wenn Menschen diese Faktoren verbinden, dann entstehen aus Utopien Alternativen, die Geld durch Tausch und Selbermachen ausklammern und die gegenseitige Hilfe vertieft die Beziehungen in einer Gemeinschaft wie um den Plaça de Sants.

Design & Thinking_Filmoteca de Catalunya_HTW Berlin_ELISAVA

Zum Abschluss gab es ein kleines Schmankerl im Rahmen der Design Thinking Week in Barcelona (die leider erst nach unserer Abreise begann). Der Film Design & Thinking stellte uns die Protagonisten der “Bewegung” vor. Tsai Mu-Ming hat dafür Experten interviewt, um uns filmisch ins Design Thinking einzuführen. Neben David KelleyTim BrownPaul Pangaro sind auch Dan FormosaGadi Amit und Angela Yeh vertreten.

Recap

Alles in allem waren es erlebnis- und vor allem arbeitsreiche Tage in Barcelona. Leider konnten viele Mitglieder des Kurses wegen Prüfungen nicht mitfahren. Trotzdem hat sich die Arbeit gelohnt und alle haben viel in puncto Methoden, Recherche und Design Thinking dazu gelernt.

1. Beim Interviewen nicht schüchtern sein und fragen, fragen, fragen. Diese Angst zu überwinden bringt persönlich und inhaltlich große Vorteile. Wir haben herausgefunden, dass die meisten Menschen sich gerne über ihre Wünsche und Erwartungen unterhalten. Bedürfnisse und Verhaltensweisen, über die sich manche Leute nicht gerne unterhalten, können in reinen Beobachtungen herausgefiltert werden. Außerdem ist es vorteilhaft, wenn zwei Personen an den Interviews beteiligt sind, weil die eine Fragen stellen und mitschreiben kann und die andere die interviewte beobachtet.

2. Wenn das Team einen Standpunkt definiert, dann kann und soll es zu den ersten heißen Diskussionen in der Gruppe kommen. Die wichtigen Faktoren sollen von den unwichtigen getrennt werden. Dabei muss natürlich jeder seine Ergebnisse verteidigen oder sich überzeugen lassen. Es ist wichtig, hier nicht stur auf seiner Idee zu beharren, sondern produktiv und offen auch Kompromisse zu schließen. Stichwort Kill your Darlings.

3. Für Menschen, die diese “100 Ideas per Second”-Erfahrung zum ersten mal machen, kann sich das Ideen finden etwas chaotisch und verwirrend anfühlen. Auch das ist Teil des Prozesses und sehr befreiend, wenn Logik kurz abgeschaltet wird und die Intuition übernehmen darf. Reflektiert und teilweise verworfen werden diese Ideen sowieso im Anschluss, also nichts wie rein in den Ideenreigen ;).

4. Zum Prototyping konnten wir viele Materialien verwenden. Plastilin, Papier, Gummibärchen, Smartphones, Fotos, Wollknäuel, Marker und natürlich die geliebten Post-Its, Flipcharts, Pinnwände und so weiter. Auch wenn solches Material gerade nicht vorrätig ist kann quasi alles in der Umgebung dafür genutzt werden. Inspiration gibt’s von der Marshmallow Challenge.

5. In Barcelona konnten wir unsere Prototypen mit Master-Studierenden der ELISAVA testen und haben wertvolles Feedback erhalten. Für unsere “Transformation Designs” hat sich bestätigt, dass die gesellschaftlichen Regeln erst darauf vorbereitet werden müssen, und dass konkrete Ergebnisse eine gewisse Vorlaufzeit brauchen. Gleichzeitig sind aber auch die Vorreiter schon heute notwendig, um durch ihre Taten die Vorteile von gewissen Initiativen schon einmal sichtbar werden zu lassen. Die genauen Projekte findet ihr hier.

Außerdem gibt es einen weiteren Beitrag über die Projektfahrt von Babs hier.

Wir danken dem Verein zur Förderung der WiKo und den Freunden der HTW Berlin, die uns finanziell bei dieser Erfahrung unterstützt haben! Macht weiter so und an alle Studis: Bewerbt euch mit euren Projekten um Fördergelder – es lohnt sich!

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *